Mentaltraining – So vielseitig wie die Reiterei

Das Bild kennt jeder: Ein Skirennfahrer stützt sich auf seine Stöcke und geht in Gedanken den Parcours noch einmal durch. Mentaltraining ist aus dem Leistungssport kaum mehr wegzudenken. Aber auch für uns Freizeitreiter bietet das Mentaltraining eine ganze Fülle von Einsatzmöglichkeiten. Denn auch wir wollen besser und pferdegerechter reiten; Anfänger können mit den Mitteln des Mentaltrainings wesentlich schneller Fortschritte machen und ängstlichen Reitern erschließen sich durch die Techniken plötzlich wieder entspanntere Wege zum Umgang mit dem Pferd. Im Folgenden werden zwei Einsatzgebiete des Mentaltrainings beschrieben. Es sind nur Ausschnitte aus der vielfältigen Welt der Trainingsansätze. Denn schließlich ist das Mentaltraining fast so vielseitig wie die Reiterei.

 

Puzzleteile fürs reitweisenunabhängige „Besser Reiten“

Es ist nur ein kleiner Zopf in der dicken Mähne. Kaum sichtbar für den oberflächlichen Betrachter. Auch kaum erkennbar für das Reiterauge. Aber der Zopf ist fühlbar. Die Gelenke der Finger der rechten Reiterhand können den Zopf fühlen, er ist ein kleiner, feiner Widerstand. Und er ist ein Zeichen. Ein Zeichen für „richtig“. Denn wenn die Hand so weit vorgeht, dass die Haut über den Gelenken den Zopf berührt, dann ist die Zügelhaltung genau richtig zum Angaloppieren.

Hintergrund: Der Reiter hat ein Problem mit dem Angaloppieren. Immer wieder nimmt er reflexartig die Zügel an, und das genau in dem Moment, in dem er eigentlich nachgeben sollte. Alles Erklären hilft nicht, denn der Kopf hat es längst verstanden und eingesehen. Doch die Hände spielen nicht mit. Immer wieder ziehen sie zurück. Der Reitlehrer sieht das, der Reiter merkt es nicht. Für ihn fühlt es sich an, als wären die Hände vorn.

Wenn Gefühl und Realität nicht übereinstimmen, kann das Mentaltraining weiterhelfen. Das Flechten eines Zopfes, um der Hand einen Anhaltspunkt für das richtige Nachgeben zu verschaffen, ist dabei nur einer von vielen Schritten.

Denn am Anfang steht das gewünschte Ergebnis – das Ziel. Die Zieldefinition stellt den vielleicht wichtigsten Part des Mentaltrainings dar. Und mal ganz ehrlich: Haben Sie, lieber Leser, ein ganz konkretes Ziel in Ihrer Arbeit mit dem Pferd? Eines, das konkret festgelegt, mit einem Zeitpunkt versehen, das realistisch, herausfordernd und förderlich für Sie und Ihr Pferd ist? An dieser Stelle fragen immer wieder einige kopfschüttelnd: Ja muss das denn sein? Naja, was würden Sie als Wanderreiter sagen, wenn Sie Ihr Pferd bepacken und losreiten, ohne zu wissen, wohin Sie eigentlich reiten wollen. Nach Westen oder nach Osten, lieber in die Berge oder ans Meer – ist es denn so wichtig, das zu entscheiden? Ja, das ist es! Auch wenn es mir jederzeit frei steht, mein Ziel zu überprüfen und zu ändern, falls ich es für richtig halte, so ist es einfach essentiell, überhaupt eines zu haben.

Das Ziel muss dabei keineswegs weltbewegend sein. Ein geschmeidiges Aufsteigen von der „falschen“ Seite zum Beispiel; oder dass ich auf dem Platz eine wirklich runde Volte reiten kann – das sind Ziele, die gar nicht mal so leicht zu erreichen sind.

Denn nach der Zielfestlegung muss der Weg zur Zielerreichung geplant werden. Bleiben wir bei der wirklich runden Volte. Diese taktrein zu reiten dürfte für die meisten von uns eine echte Herausforderung sein. Wie gehe ich das nun an? Indem ich den Ist-Zustand feststelle und einfach mal eine Volte reite. In aller Regel ergeben sich danach die folgenden Baustellen:

Pferd: Ist es körperlich in der Lage, diese Volte korrekt zu laufen? Manchmal ist hier eine physiotherapeutische Behandlung nötig, manchmal eine Ausrüstungsüberprüfung, ab und an auch eine weitere Ausbildung des Pferdes. Das alles ist nicht Sache des Mentaltrainers, sondern eines Physiotherapeuten, Sattlers und Trainers. Aber es sind „Nebenwirkungen“ des Mentaltrainings.

Reiter: Beschreiben Sie doch mal, wie Sie eine Volte reiten! Was tut Ihr innerer Schenkel, was der äußere? Wo liegen sie? Wann kommen sie zum Einsatz? Was spüren Sie über Ihre Sitzbeinknochen? Was fühlen Ihre Hände? Hängen die Oberarme tatsächlich locker herab und streifen den Hüftknochen der inneren Hüfte? Wohin schauen Sie? Wie fühlt es sich an, wenn das Pferd über die Schulter wegläuft? Was tun Sie dann? Wie fühlt es sich an, wenn Sie dem entgegenwirken? Und so weiter...

Das Mentaltraining – so wie ich es verstehe – steht immer in einer ganz engen Verbindung zur Reitlehre und zur Biomechanik. Es bedeutet, dass Trainer und Reiter unter „Moderation“ des Mentaltrainers miteinander reden und diskutieren müssen, damit tatsächlich das umgesetzt wird, was beide zusammen als den sinnvollen Weg für genau diesen Reiter und dieses Pferd zum jetzigen Zeitpunkt erarbeitet haben. Insofern ist das Mentaltraining auch reitweisenunabhängig; nötig ist nur, dass die gewählte Methode vom Grundsatz her geeignet ist, das Ziel zu erreichen.

Wenn nun klar ist, was Pferd und Reiter noch tun müssen, um das Ziel zu erreichen, wird über das Mentaltraining an den verschiedenen aufeinander aufbauenden Schritten gearbeitet. Eine Methode dafür ist das Visualisieren, also das Sichtbarmachen dessen, was der Reiter tun soll. Das kann auf viele verschiedene Weisen geschehen, die sich ergänzen (können) und möglichst viele Sinne ansprechen. Hier einige Beispiele:

Fünf Wege zum besseren Reiten

Sehen: Bitten Sie Ihren Trainer, mit Ihrem Pferd an der langen Seite einige Volten zu reiten. Schauen Sie es sich von allen Seiten an. Wie sieht das Pferd aus? Wie sieht der Reiter aus? Welche Spur zeigt sich im Sand?

Hören (Variante 1): Der Trainer wird zum Sportmoderator. Bitten Sie ihn/sie, alles zu kommentieren, was er/sie gerade tut. Verbinden Sie das, was Sie sehen mit dem, was Sie hören. Und glauben Sie mir, auch für Ihren Trainer wird das ein ganz besonderes Erlebnis sein.

Hören (Variante 2): Nun setzen Sie sich aufs Pferd und wechseln Sie vom Reitplatz auf die (nicht befahrene) Straße oder einen asphaltieren Parkplatz. Reiten Sie geradeaus und hören Sie den Takt der Hufe auf dem harten Boden. Biegen Sie in die Volte ab. Verändert sich etwas? Jetzt versuchen Sie die Volte besonders gut zu reiten – hören Sie etwas anderes? (Hinweis: Viele Reiter halten den Atem an, wenn sie sich bei dieser Übung besonders konzentrieren. Darüber verändern sich die Beweglichkeit der Hüfte und damit die Gewichtshilfen. Das Pferd reagiert, der Takt ändert sich). Summen Sie ein Lied, während Sie die Volte reiten und achten Sie wieder auf den Takt. Und genießen Sie den (vielleicht) neuen Blickwinkel auf Ihre Reiterei.

Fühlen (Variante 1): Laufen Sie die Volte ohne Pferd, aber drehen Sie Schultern und Hüfte genau so, wie Sie es auch auf dem Pferd tun würde. Die Hände halten Sie so, als würden Sie die Zügel halten. Immer schön an den äußeren Zügel denken! Achten Sie darauf, wohin Sie schauen. Nun versuchen Sie, eine exakt runde Volte zu laufen. Was sehen, was fühlen Sie? Merken Sie sich das und rufen Sie auf dem Pferd genau dieses Bild noch einmal ab

Fühlen (Variante 2): Bitten Sie einen Helfer, sich in den Mittelpunkt der Volte zu stellen. Er hält eine Longe in der Hand, die genau so lang ist, wie der Radius der Volte sein soll. Sie nehmen die Longe in Ihre innere Zügelhand und reiten nun die Volte so, dass die Longe immer gleich viel gespannt ist. Auf diese Weise merken Sie es direkt, wenn statt der Volte ein Osterei auf den Platz geritten wird, und können sofort korrigieren.

Dies alles sind jedoch nur Puzzleteile – genau wie der Zopf in der Mähne beim Angaloppieren. Aber eben diese Puzzleteile sind nötig, um das Gesamtbild zusammen zu setzen. Und vielleicht nehmen ja auch Sie diese Herausforderung an und nutzen den nächsten verregneten Sonntag für Ihre Erarbeitung der wirklich runden Volte – auf Ihre ganz eigene, kreative Art. Ich wünsche Ihnen viel Freude dabei, die 1000 Feinheiten zu entdecken, die in dieser vermeintlich so leichten Übung stecken!

Angst und was dahinter stecken kann

Angst ist es sinnvolles Gefühl, denn es warnt uns vor Gefahren und schärft die Sinne, um die Gefahr so schnell wie möglich erkennen und ihr entkommen zu können. Diese Erkenntnis hilft dem ängstlichen Reiter allerdings nicht wirklich weiter. Denn der „Gelbe Sack“ zum Beispiel ist zumindest nach allgemeiner Ansicht nicht wirklich gefährlich. Gesicherte Erkenntnisse über die Gefährlichkeit von „Monsterecken“ auf dem Reitplatz gibt es nach meinem Wissensstand auch nicht. Und trotzdem gibt es Monsterecken, die je nach Jahreszeit und Tagesform mehr oder weniger Angst erregend sind. Und am „Gelbe Sack“-Tag bleibt der ein oder andere Reiter mit seinem Pferd doch lieber zuhause.

Wenn die Angst dem Reiter die Freiheit nimmt, so zu reiten, wie er das eigentlich möchte, dann bieten verschiedene Übungen aus dem Mentaltraining eine Möglichkeit, dieser Angst zu begegnen und sie langsam abzubauen. Auch hier sind die Vorgehensweisen so individuell wie die persönliche Geschichte von Mensch und Pferd. Daher möchte ich wieder nur einige kleine Ideen vorstellen, die sich in meinen Kursen sehr bewährt haben.

Zwei bewährte Methoden für ängstliche Reiter

Umlernen: Meine Angstreaktion hat einen guten Grund; sie will mich schützen. Denn wenn ich nicht in die Monsterecke reite, kann mein Pferd dort nicht scheuen und wir beide nicht stürzen. Aber würde mein Pferd dort eigentlich scheuen? Das weiß ich nicht, denn die Angst ist da, seit früher mal ein Pferd dort gescheut ist. Ich habe aber gelernt, diese Ecke besser zu meiden. Doch was ich einmal gelernt habe, kann ich auch umlernen, auch wenn’s sicher einige Zeit dauert. Ich muss mir nun die Chance geben, zu lernen, dass es keinen Grund gibt, dass mein Pferd in dieser Ecke scheut. Los geht’s, ich führe durch die Ecke. Ich mache genau dort Bodenarbeit. Wenn all das klappt, bitte ich einen zweiten Reiter, neben mir zu reiten und er geht in dieser Ecke außen. Irgendwann geht er innen, dann vor mir, dann hinter mir. Und spätestens wenn das klappt (und wir reden hier von einigen Trainingseinheiten), spätestens dann habe ich die Nase voll von dem ganzen Geschiss um diese blöde Ecke und will einfach nur ganz normal dort entlang reiten. Ich habe gelernt, dass es keinen zwingenden Zusammenhang zwischen Ecke und Scheuen des Pferdes gibt. Umlernen erfolgreich!

Der Angstgewinn: Was haben Sie davon, dass diese Angst da ist? Welchen Vorteil bringt sie Ihnen? Diese Frage löst in meinen Kursen stets zunächst Verwirrung und dann tiefes Grübeln aus. Denn den meisten ängstlichen Reitern bringt ihre Angst durchaus auch Vorteile, die man sich einmal bewusst machen sollte. Sei es die Unterstützung der Gruppe bei eher lästigen Arbeiten, sei es das Vorrecht auf das bravste und unkomplizierteste Pferd im Stall oder einfach nur die besondere Zuneigung eines bestimmten Menschen. Vielleicht drücken Sie sich so auch vor etwas, was Sie eh nicht möchten. Was wäre denn anders, wenn die Angst weg wäre? Und wäre dieses Anders überhaupt das, was Sie wollen? Wenn Sie die beiden Alternativen nun vergleichen, würden Sie die Angst dann vielleicht doch lieber behalten? Seien Sie einmal ehrlich zu sich selbst; es ist absolut nicht nötig, dass andere die Ergebnisse Ihrer Überlegungen hören. Aber ich habe schon oft die Erfahrung gemacht, dass die Angst deutlich schwächer wird, sobald ihr Zweck klar ist. Auch wenn Sie sie jetzt vielleicht lieber behalten hätten.